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lynn

**Dies ist eine alte Version des Dokuments!**

Test

Sie rennt, so schnell sie kann. Immer weiter. Sie kann es schaffen. Sie wird nicht aufgeben.

Sie sprintet über die Wiese, das Gras kitzelt an den nackten Beinen. Dann zwängt sie sich durch die Hecke. Jetzt kann sie sie sehen – etwa 50 m vor ihr. „Wartet auf mich“, ruft sie. „Ich will mitkommen!“. „Dann musst Du schneller laufen!“ ruft Ihr Bruder zurück und die beiden Jungs lachen, während sie ohne anzuhalten weiterrennen.

Aber sie wird nicht aufgeben. Im Frühling ist sie zwei Handbreit gewachsen und nun mit ihren 8 Jahren schon fast so groß wie ihr 1,5 Jahre älterer Bruder Erol - und fast so schnell. Ihr Bruder und sein bester Freund Björn haben die Wiese schon überquert und laufen in den Auwald, wo sie die beiden aus den Augen verliert. Doch sie weiß, wohin die Jungs wollen. Und kennt eine Abkürzung. Runter zum Fluss. Sie springt auf die umgestürzte Weide, nutzt den alten Stamm als Brücke und balanciert auf dem morschen Holz über den kleinen Bach, der hier in den Fluss mündet Als sie die andere Seite erreicht hat, springt Lynn behände wieder hinunter, läuft flink weiter. Und dann ist sie bei der großen alten Ulme. Ihr Bruder und Björn haben bereits begonnen, auf den großen Baum zu klettern, der alle umstehenden weit überragt. „Wartet!“ „Na, komm doch!“ antwortet Erol. Sie rennt zu dem Baum, springt hoch und versucht den untersten Ast zu erreichen. Doch schafft es nicht.

Erol streckt ihr seine Hand entgegen, sie springt erneut, aber im letzten Moment zieht er seine Hand wieder weg und streckt ihr die Zunge raus. Die Jungs lachen. Lynn versucht am breiten Stamm Halt zu finden und sich hochzuziehen – doch vergebens. Sie plumpst wieder zurück ins hohe Gras. Sofort rappelt sie sich auf, nimmt erneut Anlauf und springt wieder. Diesmal fasst Erol zu, packt ihre Hand und zieht sie zu sich rauf auf den untersten Ast.

Die drei hangeln sich in dem Baum hoch, immer weiter hoch bis in die Krone. So hoch ist sie noch nie in ihrem Leben geklettert. Oben, auf einem breiten Ast setzen sie sich. Der Wind kühlt die erhitzten Gesichter. Staunend sieht Lynn sich um. Wie weit man von hier sehen kann! Sie fühlt sich frei wie ein Vogel. Dort drüben kann sie das Dorf sehen. Die Palisade, die es umgibt. Rauch kräuselt sich aus der Esse beim Schmied. Und da, die Linde auf dem Dorfplatz! Die Bauern auf den Feldern sind kleine bunte Ameisen. Ihre Augen wandern weiter in die Ferne. Den Fluss, auf dem Vater und ihr ältester Bruder Finn immer zum Fischen fahren. Ihre Augen folgen dem Lauf bis in die dunstige blaue Ferne. Sind das dort die Berge, in denen er entspringt? Ihr Blick folgt dem glitzernden Band in die andere Richtung, wo der Fluss im dichter werdenden Wald verschwindet. Irgendwo dort muss der riesige See liegen, über den Lynn die Händler hat reden hören. So groß soll er sein, dass man das gegenüberliegende Ufer nicht sehen kann. So groß, dass er nicht mal im kältesten Winter richtig zufriert – nicht so wie der kleine Ententeich hinter dem Dorf, wo die Kinder des Dorfes im Winter Schlittschuh laufen. Und riesige Städte gibt es dort an seinen Ufern. Einen halben Tag oder mehr braucht man, um sie zu durchqueren, hat sie gehört. Mit Häusern ganz aus Stein, manche hoch wie Bäume.

Ihr Bruder fasst sie an der Schulter und schüttelt sie sanft. „Komm schon, Lynn, wir müssen langsam wieder nach Hause.“


Während sie die Hühner füttert, sieht sie zu, wie ihr Vater den Nachen am Steg vertäut. Er und Finn beladen einen Handkarren mit Körben voll Fisch und dem Netz. Die beiden machen sich auf den Weg. Lynn huscht schnell ins Ziegengehege und beginnt Emma zu melken. Sobald der kleine Eimer gefüllt ist, eilt die Neunjährige zurück ins Haus. „Mama, Papa und Finn sind zurück“. Sie hat kaum den Eimer mit der Milch auf dem Tisch abgestellt, da ist sie auch schon wieder zur Tür hinaus.

Lachend läuft sie Vater und Finn entgegen, wirft sich ihrem Vater in die Arme, der sie einmal im Kreis durch die Luft wirbelt, bevor er sie wieder auf ihre Füße stellt. Dann ziehen sie den Handkarren weiter Richtung Haus. Lynn hat gesehen, dass der Handkarren gut gefüllt ist. Der Fang heute war gut. Sie rennt ins Haus. Lynn schneidet ein Scheibe Graubrot und eine kleines Stück Käse ab, schlägt sie in ein Tuch ein und schöpft noch einen Becher Wasser. Beides


Das frische Brot riecht so unglaublich gut. Schmerzhaft zieht sich ihr Magen zusammen. Der Bäcker schimpft lauthals und verscheucht ein paar freche Raben. Er sieht nicht her. Keiner schaut her. Ein kleiner Laib Brot verschwindet in den Falten ihrer Schürze. Lynn geht unauffällig weiter. Keiner hat es gesehen, beruhigt sie sich. Doch jetzt ist ihr noch schlechter als vorher. Am liebsten möchte sie losrennen, doch sie zwingt sich ruhig weiterzugehen. Ihr Nacken kribbelt. Unwillkürlich hebt sie den Blick und schaut quer über den Platz Richtung Kirschgasse. Dort steht Eckhart, der ihr direkt in die Augen schaut.

Und sie weiß, dass er es weiß.

Ausgerechnet Eckhart. Ihr wird eiskalt. Jeden Augenblick wird er losschreien und mit dem Finger auf sieh zeigen - doch nichts passiert. Verstohlen schaut sie noch einmal zu ihm rüber. Er sieht sie nicht mehr an, doch das gemeine Grinsen in seinem Gesicht wird sie nicht vergessen. Eilends geht sie mit dem Brot nach Hause.

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